Die Form ist entscheidend. Aber was entscheidet über die Form?
 

 

Die Form ist entscheidend. Aber was entscheidet über die Form?

 

Der grüne Leguan sieht aus wie ein Fabelwesen. Seine extravagante Gestalt, die Farben und Strukturen seiner Haut erscheinen wie eine zufällige Laune der Natur. So etwas hört Dr. Dennis Rödder allerdings gar nicht gerne. Für ihn ist der grüne Leguan kein Zufallsprodukt, sondern das perfekte Ergebnis einer Millionen Jahre dauernden Entwicklung. Und das macht ihn eigentlich noch faszinierender. Wenn Rödder von Reptilien spricht, kommt er ins schwärmen. Die Formen, die Farben, die Vielfalt – einfach überwältigend. Angefangen hat seine Leidenschaft schon im Kindergartenalter, als er Eidechsen in der Natur beobachtete und versuchte, sie zu fangen.

Inzwischen leitet Rödder die Reptilienabteilung des Forschungsmuseums König in Bonn. „Wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich die Lebensräume sind, die von Reptilien besiedelt werden, ist man einfach begeistert“, findet er. Reptilien seien Meister der Anpassung und das mache ihre Erforschung so reizvoll. Denn immer noch werden neue Arten entdeckt, die sich auf eine ganz bestimmte Umgebung spezialisiert haben. In Madagaskar etwa gibt es eine Froschart, deren Lebensraum nicht größer ist als ein Fußballfeld und genau für dieses winzige Gebiet, ist der Frosch optimal geeignet.

 

Unerschöpfliche Fantasie


Zur perfekten Ausstattung der Reptilien gehört ihr Schuppenkleid. „Der große Vorteil der Reptilienhaut ist der Verdunstungsschutz. Das war ein entscheidender Faktor beim Landgang der Reptilien.“ Aber die Reptilienhaut kann noch mehr: Wo es auf mechanischen Schutz ankommt, bildet sie ein festen Hornpanzer. An den Gliedmaßen ermöglicht die feine Schuppenstruktur große Beweglichkeit. Für jede Anforderung die richtige Lösung.

Inzwischen schauen auch Ingenieure und Materialforscher bei den Reptilienexperten vorbei. Sie lassen sich von der Natur inspirieren, wenn sie nach intelligenten Lösungen für Oberflächen suchen. In einem gemeinsamen Projekt mit dem Institut für Bionik der RWTH Aachen untersuchten Rödder und seine Mitarbeiter Krötenechsen. Die Wüstenbewohner haben eine besondere Methode der Wassergewinnung entwickelt. Mit ihren Schuppen sammeln sie den Morgentau wie in einem Schwamm und führen das Wasser über eine feine Rinnenstruktur der Schuppen zum Maul.

Spezialisierung und Vielfalt, perfekte Anpassung an die Herausforderungen der Umgebung und eine unerschöpfliche Fantasie bei der Erfindung neuer Formen – das sind die Strategien der Natur. Und wir lernen von ihr.

Die Ähnlichkeit zwischen dem Schuppenkleid der Reptilien und der Struktur von Dächern ist für den Designer Wilhelm Seitz deshalb gar keine Überraschung. „Dächer nutzen das Prinzip der Überlappung und das begegnet uns überall in der Natur. Wir verstehen mit einem Blick, wie ein Dach funktioniert, und nur was wir sofort verstehen, finden wir auch schön.“ Für ERLUS hat Seitz einige preisgekrönte Dachziegelmodelle entworfen und sich intensiv mit der Dachgestaltung beschäftigt.

 

Evolution der Form


Dächer aus Tondachziegeln habe eine lange Tradition. Die fängt für Seitz schon beim Material an. „Ton begleitet unsere Kulturgeschichte von Anfang an, seit vielen tausend Jahren. Wir empfinden Ton als warm und natürlich und verbinden ihn mit Beständigkeit. Und das alles soll auch das fertige Produkt ausstrahlen.“ Seitz denkt aber auch an die regionalen Unterschiede und historischen Formen, die unsere Vorstellung vom Dach seit Generationen prägen. „Beim Entwurf eines neuen Ziegels geht es immer um eine Evolution der Form, ganz so, wie in der Natur. Man entwickelt eher und erfindet nicht neu.“

Nach seinem Verständnis muss die Dachgestaltung die Architektur unterstützen und den Planern optisch reizvolle Varianten anbieten. „Ich entwerfe zwar einen einzelnen Ziegel, aber habe immer die ganze Struktur im Blick. Und manchmal sind es wenige Feinheiten, die dem Deckbild einen ganz anderen Charakter geben.“ Die Architektur verändert sich und so entsteht der Wunsch nach neuen ästhetischen Lösungen auch für das Dach. Die glatten und klaren Strukturen des ERLUS Linea etwa, den Seitz designt hat, unterstreichen eine zurückhaltende und elegante Architektursprache – Modernität mit Charakter.

Seitz ist davon überzeugt, dass wir uns nicht nur das Prinzip der Überlappung bei der Natur abgeschaut haben, sondern auch unser Verständnis für Proportionen. Die Größe der Dachziegel muss im richtigen Verhältnis zur Dachfläche stehen. „Da gibt es kein festes Maß, aber trotzdem empfinden wir ein kleines Dach mit großflächigen Ziegeln als wuchtig und unproportional. Das spüren wir ganz intuitiv“, sagt Seitz. Und tatsächlich reicht ein Blick auf die unterschiedliche Hautstruktur des grünen Leguans, um zu wissen: Die Natur macht es ganz genauso.

Von „modischem Design“ für Dachziegel hält Wilhelm Seitz übrigens gar nichts. Da ist er ganz entschieden. „Tondächer halten mehrere Jahrzehnte. Und deshalb muss die gestalterische Lösung, die ich heute finde, auch in 20 oder 30 Jahren noch überzeugen. Das ist meine Verantwortung.“

 

Nach einer Lehre als Keramikmodelleur bei der Firma Rosenthal in Marktredwitz trat Hans-Wilhelm Seitz 1962 in die Staatliche Höhere Fachschule für Porzellan in Selb ein und wurde zum staatlich geprüften Formenentwerfer ausgebildet. Von 1966 bis 1968 arbeitete er in der Abteilung Formgestaltung bei Ford in Köln, ab 1968 bei Rosenthal, in deren Auftrag er bis 1971 in Kapstadt bei einer südamerikanischen Vertragsfirma tätig war und dort u. a. ein Hotelservice gestaltete. Nach seiner Rückkehr aus Südafrika (1972) war er als Modelleur in mehreren Werken der Rosenthal AG tätig, 1973 arbeitete er im Designstudio Baumann mit, 1975 ließ er sich als freier Entwerfer für Porzellan in Marktredwitz nieder und war u. a. für die Porzellanfabrik Arzberg und andere Werke der Hutschenreuther-Gruppe tätig.
© Königsdorfer Medienhaus (René Zey)

 
 


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