„Manchmal wünsche ich mir einen Lehmhund“
 

 

„Manchmal wünsche ich mir einen Lehmhund“


Dr. Adelbert Niemeyer über seine Schatzsuche im bayerischen Boden.

 

Interessiert man sich als Geologe eigentlich für Ton?

Geologen sagen scherzhaft: Ton und Lehm sind der Dreck, der die Geologie verhüllt. Damit ist gemeint, dass sich Geologen vor allem für das feste Gestein darunter interessieren. Der keramische Rohstoff Lehm ist einfach sehr, sehr jung. Unsere heutigen Landschaftsformen haben sich in der Eiszeit gebildet, aus dieser Zeit stammen die Lösslehme - verwittertes Gestein, das der Wind abgetragen und irgendwo abgelagert hat. Ton ist etwas älter. Hier in Bayern stammt er aus vorzeitlichen Flussläufen, wo er sich als Sediment abgelagert hat. Solche Verwitterungsprodukte sind für klassische Geologen eigentlich uninteressant.


Aber Sie hat es gepackt?

Bei mir war es so: Am Anfang war ich skeptisch, habe mich immer leidenschaftlicher reingesteigert und dann kam die Begeisterung. Ja, Lehm und Ton sind eine tolle Sache. Es sind unglaublich facettenreiche Materialien.


Was begeistert Sie an Lehm und Ton?

Man holt etwas aus der Erde, aus dem man Gebrauchsgegenstände formen, Öfen bauen oder eben Baumaterialien herstellen kann. Und wenn man das Material sorgfältig trocknet und vorsichtig brennt, hat man nahezu unverwüstliche Dinge geschaffen. Und das schon seit der Altsteinzeit. Wir finden im Gebiet unserer Gruben Tonscherben, die Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt sind. Und wir sind immer noch da und bauen Ton ab, um daraus Dachziegel zu machen.


Spielt die lange Geschichte des Tons als Werkstoff eine Rolle für Sie?

Ja, natürlich. Daran werde ich ja fast täglich erinnert. Wenn wir im Tagebau Lehmgruben öffnen, dann finden wir immer wieder etwas. Reste von Vorratsgefäßen, die vielleicht 4000 Jahre alt sind. Tongegenstände sind ja häufig das einzige, was an Spuren früherer Siedlungen übrig geblieben ist, weil das Material so robust ist. Und dann fragt man sich schon, wer irgendwann mal einen Dachziegel von uns ausgräbt. Trage ich auch zu einem Kulturgut bei, das man vielleicht noch in Jahrtausenden schätzen wird?

 

Tonschichten


Kommt Ihnen die Archäologie auch manchmal in die Quere?

Immer wieder. Wir bauen dort ab, wo Menschen schon in der Frühzeit gesiedelt haben. Nicht im Tal und nicht auf der Bergkuppe, sondern in Hanglagen, da, wo sich auch die Lösslehmlagerstätten befinden. Wenn ein Gelände archäologisch aussichtsreich ist, müssen wir die Grabungskosten tragen. Das gehört eben dazu, wenn man an Rohstoffe kommen will.


Was machen Sie heute anders als die Töpfer der Altsteinzeit?

Wir arbeiten heute unter ganz anderen Rahmenbedingungen. Die Herstellung von Dachziegeln ist durch das Trocknen und Brennen sehr energieintensiv. Wie hoch der Energieeinsatz ist, kann man aber in geringem Umfang auch durch den Rohstoff beeinflussen. Wir arbeiten deshalb ständig daran, den Energiebedarf auf ein Minimum zu begrenzen, ohne die Qualität der Ziegel zu mindern. Hinzu kommt die Präzision, die von unseren Produkten erwartet wird. Wir können heute genau bestimmen, wie hoch der Schwund beim Trocknen und Brennen sein wird, damit der Dachziegel am Ende exakt die gewünschten Maße hat. So genau konnten unsere Vorfahren noch nicht arbeiten. Wir machen immer noch Sachen, die man auch vor 3000 Jahren gemacht hat, aber wir wissen jetzt ganz genau, wie die keramische Produktion funktioniert. Unsere Vorfahren haben grobkeramische Produkte hergestellt, während wir heute Qualitäten liefern, die z. B. unter dem Elektronenmikroskop geprüft sind.


Wie wichtig ist denn der Rohstoff für die Qualität des Produkts?

Die Rohstoffqualität ist der entscheidende Faktor. Wir kennen die physikalischen und chemischen Eigenschaften unserer Rohstoffe bis ins Detail. Dadurch können wir eine Rohstoffmischung herstellen, die genau unseren Anforderungen entspricht. Wir steuern das Ergebnis schon durch die Zusammensetzung der keramischen Masse ganz präzise. Von uns wird erwartet, dass wir ein vollkommen homogenes Material liefern, von absolut gleichbleibender Qualität. Erst dadurch ist eine moderne industrielle Verarbeitung überhaupt möglich. Solch ein homogenes Material ist so in der Natur überhaupt nicht zu finden. Deshalb müssen wir unsere Rezeptur immer wieder anpassen. Das ist die Kunst. Und das geht nur mit einem riesigen Laboraufwand. Im Moment holen wir unser Material aus vier unterschiedlichen Gruben und die Anteile werden ständig variiert. Es ist immer noch ein Naturmaterial, mit dem wir arbeiten.


Wie finden Sie neue Rohstofflagerstätten?

Es ist eine Besonderheit bei ERLUS, dass wir von der Probebohrung bis zur Rohstoffaufbereitung alles selbst in der Hand haben. Und das ist uns sehr wichtig. Wir sind hier in Neufahrn in einem Gebiet mit Lösslehm- und Tonvorkommen von hoher Qualität. Manchmal wünsche ich mir einen Lehmhund, der mir wie ein Trüffelschwein bei der Suche hilft. Leider gibt es den nicht. Aber mit den Jahren lernt man die Landschaft kennen und macht sich ein Bild, wie sie entstanden ist. Das hilft bei der Rohstoffsuche. Durch die Landschaftskenntnis kann ich heute zum Beispiel sehr sicher Gebiete ausschließen, weil ich weiß, da kann sich nichts abgelagert haben. Und dann finde ich Hinweise, die es wahrscheinlich machen, dass sich da Lehme von ausreichender Mächtigkeit und Qualität befinden. Man muss die Landschaft lesen können, und das gelingt immer besser.


Freuen Sie sich, wenn Sie fündig werden?

Im letzten Jahr sind wir bei Probebohrungen auf sechs Meter fantastisches Material gestoßen. Ja, da schaut man auf den Bohrkern und klatscht in die Hände.

 

Dr. Adelbert Niemeyer
ist Geologe. Seit 1980 beschäftigt er sich mit Industriemineralen und speziellen Tonen. Er war weltweit in der Exploration tätig und hat in Südkorea eine Fabrik für Tonverarbeitung aufgebaut. Bei ERLUS ist er seit mehr als zehn Jahren für die gesamte Rohstoffversorgung und -aufbereitung zuständig.

 
   


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